Wirtschaft, Politik und Leben in Sachsen

MENÜ
MENÜ

Martin Richter (42) will für Nordsachsen in den Deutschen Bundestag

LEIPZIG – Die Stimmung in Deutschland ist angespannt in Zeiten der Corona-Krise, und nun naht die nächste Bundestagswahl. Keine gute Zeit für Politiker der etablierten Parteien. In Leipzig kandidiert im September ein FDP-Mann, der so gar nicht in das Klischee seiner Partei passt: Martin Richter (42), Familienvater und Bundeswehroffizier mit Auslandseinsätzen. Sachsen.jetzt sprach mit dem studierten Pädagogen.

Herr Richter,  ganz ehrlich: Warum tun Sie sich das an, für den Bundestag zu kandidieren in dieser Zeit?

Wie Sie wissen, bin ich seit 23 Jahren Bundeswehrsoldat, und damit gewohnt, dem  deutschen Volk zu dienen und  Recht und seiner Freiheit zu verteidigen. Das habe ich geschworen. Und auch wenn das nicht immer rosig ist, erfüllt mich dieser Dienst sehr. Wir leben in einem Land, das nur noch verwaltet wird, gleichzeitig aber vor großen Herausforderungen steht. Ich möchte nun meinen Dienst auch in einem anderen Feld fortsetzen. Ich möchte für eine Gesellschaft antreten, die auf  individueller Freiheit beruht, und in der sich jeder Einzelne bestmöglich entwickeln kann. 

Der Osten Deutschlands ist für die FDP  nicht gerade Stammland. Warum eigentlich? Sie stehen als Partei für Marktwirtschaft, Wohlstand, Unternehmertum – ist die sozialistische Nostalgie in Sachsen noch so groß, dass Ihre Themen nicht verfangen?

Ich gebe Ihnen recht, „der Osten“ ist für die FDP kein sicherer Hafen. Aber, für welche der Parteien – außer Die Linke – ist das schon so? Die Herausforderungen, insbesondere für die FDP liegen nach meiner Bewertung darin, dass die „Wendegeschichte“ für viele Menschen in den ostdeutschen Bundesländern keine oder zumindest nicht die erhoffte Erfolgsgeschichte wurde. Ja, es hat sich viel getan in persönlicher Freiheit, Infrastruktur und bei der Anzahl der Fernsehprogramme. Doch was fangen Sie mit der Freiheit an, reisen zu können, wohin sie wollen an, wenn sie das aber nicht bezahlen können? Was fangen sie mit tollen Straßen und erschlossenen Gewerbeparks im Raum Mügeln an, wenn dort aber niemand investiert? Da hilft es dann auch nicht, wenn sie 100 statt vormals 2 TV-Programme schauen dürfen.

Ein weiterer Punkt ist, dass den Parteien mit westdeutscher Historie Identifikationsfiguren fehlen. Es ist in etwa so, wie in der Bundeswehr: „Der Westen befiehlt, der Osten marschiert“. Somit fehlt es, nicht nur der FDP, an Spitzenpersonal, die für die Menschen hier glaubhaft deren Probleme aufnimmt, bearbeitet und im besten Fall löst. dabei muss ich sagen, dass diese Probleme mittlerweile ja auch in vielen alten Bundesländern akut sind.

Was ich allerdings nicht sehe ist, dass in Sachsen die „sozialistische Nostalgie“ besonders groß ist. Immerhin regiert hier durchgängig die CDU und lange Zeit mit der FDP gemeinsam. Das Problem der FDP ist, dass wir zu lange die Karte des Juniorpartners der CDU gespielt haben. Viele Dinge, die wir als FDP für Sachsen erreicht und mit gestaltet haben – bspw. in der Ansiedlung von Industrie und Wirtschaft sowie im Infrastrukturbereich, aber auch für die Bildung, wurden ausschließlich der CDU zugeschrieben.

Mit welchen Themen wollen Sie persönlich und Ihre Partei in den Wahlkampf ziehen?

Ich kenne ja den Entwicklungsprozess unseres Wahlprogramms. Da waren gut 500 sehr spannende, sehr wichtige Modulentwürfe drin, die aktuell in Form gegossen werden. Da gibt es wirkliche Antworten auf die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen unseres Landes. Sonst würde ich nicht für die FDP kandidieren. Ich werde den Leuten in Nordsachsen zuhören, was sie bewegt und Lösungen vorschlagen, aber auch sagen, wenn etwas nicht möglich ist.

Dabei ist besonders wichtig, dass wir unsere Bildungslandschaft weiterentwickeln. Hier braucht es verbindliche Standards für alle 16 Bundesländer, hier braucht es eine wirklich greifende Digitalisierung der KiTas, Schulen, Berufsschulen und Universitäten. Dazu gehört nicht nur die Technik, sondern auch inhaltliche Anpassung des WAS und des WIE wir lernen.

Ein weiteres persönliches Thema ist es, den ländlichen Raum in seiner Funktion und Bedeutung als „Brennstoffzelle“ unserer Gesellschaft zu stärken. Eine Politik, die von Großstädtern, aus Großstädten und in der Masse für Großstädter gedacht und gemacht ist, wird unser Land weiter und nachhaltiger zurück werfen. Es braucht eine Politik, die unsere Landwirtschaft durch Innovation, Entwicklung, aber auch Selbstbestimmung handlungsfähig und am Weltmarkt überlebensfähig macht.

Der Mittelstand, die vielen kleinen, mittleren Industrieunternehmen – vom Handwerksmeister bis zum Weltmarktführer – braucht eine Politik, die einen Rahmen schafft, der ermöglicht, der befreit, der Chancen und Ideen schnell umsetzbar macht.

Mein drittes großes Thema ist – da komme ich aus meiner Haut nicht raus – unsere Bundeswehr. Hier braucht es nach meiner Bewertung eine deutliche Effizienzsteigerung von innen und dafür den politischen Rahmen von außen. Ja, es braucht einen höheren Verteidigungsetat, um die verpassten globalen Entwicklungen aufholen zu können. Eine Armee muss heute in der Lange sein, schnell, über große Entfernungen in jedem Spektrum wirken zu können. Ohne ausreichende Flugzeuge, mehr noch aber Drohnen – auch bewaffnet, ohne eine durchhaltefähige Marine mit der Möglichkeit, den Sprung auf’s Land machen zu können und ohne wirkungsvolle Fähigkeiten am Boden, werden wir uns und unsere richtigen und wichtigen Bündnisse nicht verteidigen können.

Ist Wahlkampf in Pandemie-Zeiten überhaupt möglich?

Ja und es wäre ja fatal, wenn ein Virus derart handlungsunfähig machen würde, dass wir unsere Demokratie aussetzen müssten.

Vielleicht wird die FDP an Koalitionsgesprächen über eine neue Bundesregierung beteiligt. Gibt es überhaupt noch Parteien im Bundestag, die zum Profil der FDP passen, nachdem die CDU jetzt auch ökosozial geworden ist?

Gut ist, dass Sie fragen, ob jemand zum Profil der FDP passt und nicht, ob die FDP zu irgendjemandem passt. So kann ich deutlich machen, dass wir als FDP verstanden haben, nicht weiter nur Juniorpartner sein zu können. Wir gehen in diesen Wahlkampf als souveräne Partei.

Daher spiele ich den Ball in die Hälften der anderen Parteien. Gleichzeitig sage ich, dass für mich ganz persönlich unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, die ich ganz eng mit unserer erfolgreichen und funktionierenden sozialen Marktwirtschaft verbunden sehe, nicht verhandelbar ist! Und dass ich in einer Partei arbeite, der ihre Aussagen, Zusagen und Wahlaussagen wichtig sind, hat die FDP durch das „nein“ zu Jamaika im Bund deutlich gezeigt.

Das Gespräch führte Klaus Kelle.

Bildquellen

  • Martin_Richter_FDP: martin richter fdp

Ähnliche Beiträge